Kolumne “Wort zum Sonntag” von Haimo L. Handl, 28.12.2008
Die Erfahrungen eines Hörseminars, das ich kürzlich gab, entsprachen ganz und gar nicht den üblichen propagierten Slogans und Devisen der inszenierten Besinnlichkeit, die im gesteuerten Stress und gesteigerten Konsum ihre multiplen Orgasmen finden. Mir war aufgefallen, dass fast alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer (die Mehrzahl war weiblich!) Hörprobleme haben. Nicht physisch, organisch. Solche Hörgeschädigten waren nicht in der Gruppe. Sondern mental oder psychisch. Sie vermochten nicht einfach «besinnlich» zu werden.
Kolumne “Wort zum Sonntag” von Haimo L. Handl 13.07.2008
Ich lebe in vielen Kulturen und habe noch keine kommunizieren erlebt. Es kommunizieren nicht die «Kulturen» als solche, als Systeme, sondern Vertreter von ihnen. Ich kommuniziere mit Angehörigen, Vertretern, Repräsentanten unterschiedlicher Kulturen, ähnlich wie mit Angehörigen «meiner» Kultur. Aber «mein» System tauscht sich nicht mit einem anderen aus. Auch in «meiner» eigenen Kultur erlebe ich in den Kommunikationen so extreme Unterschiede, dass ich nicht von einem kompakten oder gar homogenen Kulturgebilde denke und spreche.
Kolumne “Wort zum Sonntag” von Haimo L. Handl, 16.11.2008
Lesen ist nicht sehr beliebt. Deshalb werden Lesenächte veranstaltet, Lesewochen bei Buchmessen. Lesenlernen und Leseübungen sind bei vielen verpönt. Kinder, Jugendliche und Schüler klagen über die Zumutung, schwer arbeiten zu sollen. Lesen ist Arbeit. Solange man nicht lesen kann, macht es keine Freude. Ist es kein Spass. In der Spass- und Opferkultur völlig inakzeptabel.
Kolumne “Wort zum Sonntag”, von Haimo L. Handl, 22.06.2008
In gleichheitsversessenen Zeiten und Gesellschaften wird Talent beargwöhnt und hohe Könnerschaft als elitär abgewertet, weil sie die Chancengleichheit der minder Bemittelten schwäche und reduziere. Das zeigt sich auch in der Sprache, im Spracherwerb, dem Sprachunterricht und der Sprachpflege. Das früher als erstrebenswert gesehene Ziel, durch Bildung das Niveau zu heben, wird als untauglich verworfen, weil es zu zeitaufwendig und zu teuer komme. Leichter ist es, das Niveau zu senken und die mindere Sprachkenntnis zur Norm zu machen.
Kolumne “Wort zum Sonntag” von Haimo L. Handl, 17.06.2007
Am 7. Juni 2007 verstarb dreiundachtzigjährig der britische Poet und Übersetzer Michael Hamburger. Mit neun Jahren, 1933, führte ihn die Emigration von Deutschland nach England, wo er blieb, sich bildete, arbeitete und starb. Zahlreiche gepriesene Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, insbesondere aber aus dem Deutschen, begründen seinen Ruhm; seine Poems waren früher Teil wichtiger Anthologien in Grossbritannien und den USA; in jüngerer Zeit überwog seine Bekanntheit im deutschsprachigen Raum die des angelsächsischen, was ihn betrübte.